Copyright und Web-Bearbeitung: Markus Frauchiger, lic.phil. Psychologe FSP, CH-3011 Bern

Leseprobe - Handbuch der Gestalttherapie (Fuhr/Sreckovic/Gremmler-Fuhr)

Handbuch der Gestalttherapie

Reinhard Fuhr, Milan Sreckovic und Martina Gremmler-Fuhr

Fuhr et al - Handbuch der Gestalttherapie

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    Buch   Konzept   Struktur   Aufbau

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    Einführung

    Das grundlegende Konzept dieses Handbuchs

    Warum ein Handbuch der Gestalttherapie?

  • Im Jahr 1951 wurde das Grundlagenwerk Gestalt Therapy von Frederick S. Perls, Ralph F. Hefferline und Paul Goodman erstmals in den USA und in Großbritannien veröffentlicht. Einige Jahre zuvor, 1947, war schon das Buch von Fritz Perls Ego, Hunger and Aggression in England erschienen, das unter Mitwirkung von Laura Perls entstanden war und schon viele grundlegende Ideen der später entwickelten Gestalttherapie enthielt. Die Gestalttherapie kann also auf eine etwa 50jährige Geschichte zurückblicken. Seit dieser Zeit hat die Gestalttherapie in aller Welt eine weite Verbreitung gefunden und wird in vielen Feldern wie Psychotherapie, Psychiatrie und unterschiedlichsten Formen der Beratung, in Organisationen und Unternehmen sowie in Schule, Erwachsenenbildung und Altenbildung angewendet. Man könnte also sagen, die Gestalttherapie ist erwachsen geworden, auch wenn das Verfahren in seiner Theorie und in seinen Praxiskonzeptionen keineswegs abgeschlossen ist, sondern sich in ständiger Entwicklung und Neugestaltung befindet. Dies entspricht nicht zuletzt auch dem eigenen Anspruch der Gestalttherapie an Offenheit und Weiterentwicklung des theoretischen Gebäudes.

    Inzwischen scheint uns jedoch die Zeit reif für eine umfassende Zwischenbilanz zu sein. Es besteht heute nach der wechselvollen Geschichte der Gestalttherapie und der Vielfalt und Streubreite der verschiedensten Veröffentlichungen zur Gestalttherapie ein großer Bedarf bei Studierenden, Lehrenden, Gestalt-Ausbildern, Praktikern und vielen Interessierten anderer Berufe und Orientierungen nach einer umfassenden und gebündelten Darstellung der Gestalttherapie in ihrer historischen Entwicklung, ihren theoretischen Grundlagen, ihren Konzepten und Methoden, ihren Anwendungsfeldern und ihrer Erforschung. Diesem Bedarf möchten wir mit dem Handbuch der Gestalttherapie Rechnung tragen.

    Vielfalt und Einheit der Gestalttherapie

    So reichhaltig das Grundlagenwerk Gestalt Therapy von Perls, Hefferline und Goodman auch ist, die Entwicklung der Gestalttherapie (sowohl in den philosophischen und theoretischen Grundlagen, aus denen sie sich nährt, als auch in ihren Theoremen und Konzepten) ist weitergegangen. Der Referenzrahmen von Gestalt Therapy ist daher nicht mehr in jeder Hinsicht zeitgemäß und bedarf einer Erneuerung. Dabei übersehen wir keineswegs, daß viele grundlegende Gedanken in Gestalt Therapy auch heute noch nicht vollständig ausgeschöpft und ausdifferenziert werden konnten.

    Aber gibt es heute überhaupt einen gemeinsamen Referenzrahmen, auf den die Gestalt Community zurückgreifen kann? Diese Frage ist weder eindeutig zu bejahen, noch ist sie zu verneinen. Denn Gestalttherapie steht von Anfang an in einem Spannungsfeld zwischen ihren traditionellen Wurzeln und ihrem Anspruch nach grundlegender Innovation. Dieses Spannungsfeld war schon in den Gründerpersönlichkeiten angelegt: Frederick S. Perls und Laura Perls waren jahrelang als Psychoanalytiker tätig gewesen, bevor sie die Gestalttherapie entwickelten und gemeinsam mit Paul Goodman und einer Gruppe von engagierten Kollegen den Versuch unternahmen, die Verkrustungen und veralteteten Welt- und Menschenbilder der damaligen orthodoxen Vertreter der "Psychoanalytischen Vereinigung" durch ein grundlegendes Neuverständnis von menschlicher Entwicklung, von Heilung und Wachstum sowie von Gemeinschaftsbildung zu überwinden.

    Hinzu kam noch das Spannungsfeld zwischen professionellem Establishment und einem kritischen sozialen Engagement, für das vor allem Paul Goodman eine gewisse Prominenz erlangte. Dieses mehrdimensionale Spannungsfeld ist uns bis heute im Prinzip erhalten geblieben und sorgt sowohl für Konfliktpotentiale als auch für Lebendigkeit der Diskussion und neue Impulse. Einen wesentlichen Beitrag zu diesem Spannungsfeld leistete auch die in den letzten Jahren und Jahrzehnten in der Gestalt Community vehement vorangetriebene Institutionalisierung der Gestalttherapie durch Ausbildungsrichtlinien und Ausbildungsstandards, durch die Gründung von Ausbildungsinstituten (mit differenzierten Curricula und Kriterien für die Zertifizierung von GestalttherapeutInnen) sowie von nationalen, länderübergreifenden und neuerdings auch weltweit tätigen Verbänden. Dieser Institutionalisierung steht die gestalttherapeutische Tradition des Anti-Establishment gegenüber, wie sie in den Gründerzeiten in New York gepflegt und bis heute in einigen Verzweigungen der Gestalttherapie aufrechterhalten wird. Eine Integration im Sinne der kreativen Anpassung konnte bisher nur in ersten Ansätzen verwirklicht werden.

    Die theoretische und praktische Landschaft der Gestalttherapie stellt sich heute dementsprechend bunt dar und weist viele Eigentümlichkeiten auf. Sie spiegelt dabei entweder konsequent die grundlegenden Konzepte in Gestalt Therapy deutlich wider; oder sie tradiert stärker das spezielle Gestaltverständnis von "Fritz" Perls in seiner späten Phase; oder sie greift theoretische und methodische Einzelelemente der Gestalttherapie auf und kombiniert sie mit anderen Theorieentwicklungen und Therapieverfahren, wobei sie auch oft auf eine schulübergreifende, integrative Form von Psychotherapie hinsteuert; oder sie entwickelt eine konsequente dialogische und prozeßhafte Richtung der Gestalttherapie, in der Persönlichkeitsentwicklung und die Ausprägung eines persönlichen Stils sowie Gemeinschaftsbildung zentral sind. Diese letztere Orientierung repräsentiert ein Verständnis von Gestalttherapie, in der die Grundkonzepte teilweise recht grundlegend durch die Einbindung neuerer theoretischer und praktischer Erkenntnisse weiterentwickelt wurden.

    Gemeinsamer Rahmen und divergierende Richtungen

    Die Herausgeber dieses ersten Handbuchs der Gestalttherapie im deutschsprachigen Raum haben sich auf diesem Hintergrund bemüht, einen Rahmen zu setzen und gleichzeitig den einzelnen AutorInnen möglichst viel Raum zu gewähren, damit sie ihre eigenen Positionen darlegen und begründen können. Es geht den Herausgebern also darum, einerseits den essentiellen Grundlagen von Gestalttherapie, andererseits deren Vielfalt und Verzweigtheit zur Darstellung zu verhelfen.

    Dabei werden auch grundlegende Unterschiede der AutorInnen etwa im Verständnis der Grundkonzepte der Gestalttherapie in diesem Handbuch deutlich. Es gibt ein Verständnis von Gestalttherapie, das die Haltung des Gestaltexperten und die Ausprägung seines jeweils einzigartigen, persönlichen Stils gegenüber einer eher methodisch oder technisch verstandenen Gestalttherapie betont. Dies spiegelt sich beispielsweise auch im Verständnis der für die Gestalttherapie zentralen Konzepte Kontakt und Dialog wider. Im Grundlagenwerk von Perls, Hefferline und Goodman herrscht teilweise noch ein normatives Verständnis von Kontakt vor; dem stehen das spezielle Verständnis von Kontakt und Dialog von Laura Perls und die Entwicklung eines intentionalen Begriffs von Kontakt und Dialog gegenüber, das den jeweiligen Modellen einen heuristischen - keinen normativen - Stellenwert für die Erforschung von innerpersönlichen und zwischenmenschlichen Austauschprozessen zuweist. Neben einem an innerpsychischen Konflikten und Defiziten orientierten medizinischen Modell psychoanalytischer Tradition angelehnten Verständnis von gestörten Kontaktprozessen und damit einhergehend von Kontaktunterbrechungen, die als neurotische Prozesse verstanden werden, gibt es eine deskriptive Verwendung des Kontaktmodells, wobei das Verständnis von Kontaktunterbrechungen durch das von Kontaktfunktionen, die jeden Kontaktprozeß begleiten und die auf ihre jeweilige situative Angemessenheit hin überprüft werden, ersetzt wird. Oder es gibt ein Verständnis des Selbst, das von einem authentischen Kernbereich der Persönlichkeit ausgeht; dem steht ein relationales Verständnis vom Selbst gegenüber, das sich jeweils in Beziehung zur Umwelt neu konstituiert und keine eigenständige Substanz hat; schließlich werden beide Positionen auch miteinander in dialektischer Weise verbunden: Das Selbst konstituiert sich einerseits jeweils neu in Beziehungen, andererseits wird es als existentielles Phänomen mit Kontinuität und Konsistenz begriffen.

    Auch bei den jeweiligen metatheoretischen Grundannahmen finden sich Varianten und Gegensätze, etwa im Verständnis der Feldtheorie, die entweder als erkenntnistheoretische Innovation und "neues Paradigma" oder nüchterner als Erweiterung der auf das Individuum begrenzten Perspektive hin zur vielfältigen Verflechtung der Person mit der Umwelt begriffen wird.

    Aus diesen und anderen unterschiedlichen Verständnissen der Grundannahmen, Modelle und Konzepte der Gestalttherapie gehen demgemäß auch unterschiedliche Verständnisse etwa von Krankheit und Gesundheit, von Diagnostik und Persönlichkeitsentwicklung sowie von Praxisprinzipien und praktischen Vorgehensweisen in bestimmten Anwendungsbereichen hervor.

    Drei grundlegende Realisierungsformen von Gestalttherapie

    Überblickt man diese vielfältige, bunte und in gewisser Hinsicht auch wieder einheitliche Landschaft der heutigen Gestalttherapie, dann lassen sich u.E. grob drei verschiedene Tendenzen unterscheiden, in denen Gestalttherapie heute realisiert wird:

    Gestalttherapie als ideologischer Ansatz mit Versprechungen auf schnelle "Heilung", häufig in Kombination mit vielen anderen, teilweise auch esoterischen Ansätzen und Methoden, hat in einigen Bereichen des psychosozialen Feldes Konjunktur, was auf dem Hintergrund der angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt, der damit verbundenen Konkurrenz um eine rarer werdende Klientel für Therapie, Selbsterfahrungsgruppen, Ausbildungsgänge und Workshops und einer weitreichenden Sinnkrise in unserer Gesellschaft erklärbar ist. Da wir uns mit diesem Verständnis von Gestalttherapie jedoch nicht identifizieren können, grenzen wir es in diesem Handbuch aus.

    Am verbreitetsten ist nach unserer Einschätzung Gestalttherapie als theoretisch begründeter Methodenansatz. Dieser Ansatz zeigt in seinem Diagnostikverständnis häufig noch eine deutliche Nähe zur medizinisch-psychoanalytischen Tradition einerseits und zum in unseren Gesundheitssystemen verbreiteten symptom- und symptombeseitigenden Verständnis von Psychotherapie und Beratung andererseits auf. In diesem Verständnis von Gestalttherapie kommt jedoch vielfach auch eine genuin gestalttherapeutische Terminologie und ein alternatives Verständnis zentraler Konzepte zum Tragen. Gestalttherapie als theoretisch begründeter Methodenansatz läßt die Kombination mit anderen Verfahren wie Hypnotherapie, anderen tiefenpsychologischen Verfahren, Verhaltenstherapie, systemischer Familientherapie, Psychodrama usw. ohne weiteres zu und tendiert damit zu einem integrativen, schulübergreifenden Konzept von Psychotherapie und Beratung, indem jeweils diejenigen Methoden zur Anwendung gebracht werden, die sich in der Behandlung von bestimmten Störungen oder Problemen als wirksam oder am wirksamsten erwiesen haben.

    Bei dem Verständnis von Gestalttherapie als umfassender philosophischer Ansatz geht es vor allem um die Realisierung eines Wandels grundlegender Bewußtseinsstrukturen mit neu zu erforschenden philosophischen, erkenntnistheoretischen, anthropologischen und philosophischen Grundannahmen und Erkenntnismethoden. Dieses Verständnis von Gestalttherapie ist bereits in den theoretischen Grundlagen der Gründer der Gestalttherapie deutlich angelegt, wenn es auch damals noch nicht in jeder Hinsicht stringent durchgehalten werden konnte. In einigen Theorie- und Praxiskonzepten wurde dieses Gestalttherapie-Verständnis seither aufgearbeitet und veröffentlicht. Es handelt sich jedoch um philosophische Grundannahmen und Erkenntnisweisen, die nicht zum Standardrepertoire rationaler Wissenschaftsorientierung passen bzw. über diese ebenso hinausreichen wie über methodenorientierte humanistisch-psychologische Ansätze. Die Abgrenzung dieses Verständnisses von Gestalttherapie gegenüber den zuvor skizzierten ideologischen Ansätzen ist jedoch wegen terminologischer Schwierigkeiten oft eine Gratwanderung, bei der Mißverständnisse nicht auszuschließen sind.

    Viele Artikel in diesem Handbuch setzen den Akzent auf Gestalttherapie als theoretisch begründetem Methoden-Ansatz, andere versuchen, über dieses Verständnis von Gestalttherapie ansatzweise hinauszugehen, und wieder andere streben konsequent die Realisierung von Gestalttherapie im Sinne eines Wandels der Bewußtseinsstrukturen an.

    Wir halten alle diese Ansätze für legitim - sofern es sich um professionelle und theoretisch solide begründete Darstellungen handelt -, spiegeln sie doch die verbreiteten und theoretisch fundierten und auch vielfach empirisch belegten Auffassungen von Gestalttherapie im psychosozialen, pädagogischen und wirtschaftlichen Feld wider. Deshalb werden die Leser alle drei letztgenannten Tendenzen und ihre Varianten - also (1) Gestalttherapie als Methode, (2) als Methode mit philosophischen Ansätzen und (3) als Philosophie der Bewußtseinsbildung - in diesem Handbuch wiederfinden.

    Diese unterschiedlichen Tendenzen und teilweisen Widersprüche im Verständnis und in der Praxis der Gestalttherapie und ihrer Anwendung in verschiedenen professionellen Feldern deuten darauf hin, daß sich die Gestalttherapie ebenso wie andere psychotherapeutische, beraterische und pädagogische Ansätze - vor allem diejenigen, die in der Humanistischen Psychologie verankert sind - in einer schwierigen Übergangsphase befindet. Wir sehen darin jedoch wichtige Herausforderungen für die Gestalttherapie, für die Nutzung ihrer kreativen Potentiale und für weitergehende Entwicklungen im psychosozialen und pädagogischen Feld.

    Auswahl der Themen und AutorInnen

    Die Vielfalt, Entwicklungsoffenheit und teilweise Widersprüchlichkeit des Gestalt-Ansatzes auf der Grundlage letztlich doch einiger gemeinsamer Grundpositionen wird in diesem Handbuch in vielen Facetten dargestellt. Gleichwohl erheben wir nicht den Anspruch, das gesamte Spektrum der Gestalttherapie in Theorie und Praxis repräsentieren zu können.

    Wir baten viele verschiedene Vertreter der Gestalttherapie, die sich in Veröffentlichungen und/oder öffentlichen Diskussionen schon zu Wort gemeldet hatten, um die Mitarbeit in diesem Handbuch. Diese Auswahl ist natürlich durch die Perspektive und die Begrenzungen von uns als Herausgebern mitbedingt und unterliegt daher unserer Verantwortung. Wichtig war uns vor allem, daß sich die Autoren primär als GestalttherapeutInnen verstehen. Eine Ausnahme davon ist Hilarion Petzold, der sich aus der Perspektive der von ihm (mit-)begründeten Integrativen Therapie mit seiner Sicht der Gestalttherapie in einem Artikel persönlich auseinandersetzt. Damit tragen wir der besonderen historischen Situation Rechnung, daß Hilarion Petzold Anfang der 70er Jahre einen wesentlichen Beitrag zur Einführung der Gestalttherapie in Deutschland und anderen europäischen Ländern leistete, sich aber seither von der Gestalttherapie als umfassendem Ansatz kritisch distanzierte und sie heute nur mehr als methodischen Schwerpunkt der Integrativen Therapie anerkennt.

    Unsere erste Wahl bei der Einladung zur Mitarbeit an diesem Handbuch waren deutschsprachige AutorInnen (mit Ausnahme der AutorInnen für die Darstellung der Gestalttherapie in den einzelnen Ländern). In Einzelfällen haben wir auch nicht-deutschsprachige AutorInnen um einen Beitrag gebeten, wenn sie zu speziellen Themen wichtige und originäre Beiträge geleistet hatten.

    Bei der Zusammenstellung der Themen in diesem Handbuch gingen wir davon aus, daß "Gestalttherapie" ein umfassender und grundlegender Ansatz ist - eben der Gestalt-Ansatz -, der nicht nur in der Psychotherapie, sondern auch in vielen anderen Anwendungsfeldern wirksam wird. Das bedeutet, daß die grundlegenden Konzepte der Gestalttherapie in den einzelnen Kapiteln und Artikeln jeweils auch auf ihre speziellen Anwendungsbereiche hin spezifiziert und konkretisiert werden. Dies heißt auch, daß der jeweilige Kontext, für den die Gestalttherapie im Hinblick auf die Praxis diskutiert wird, explizit dargestellt und diskutiert wird. Damit tragen die AutorInnen der grundlegenden Feldorientierung der Gestalttherapie Rechnung.

    Einige Ausprägungen und Ausrichtungen der Gestalttherapie mußten wir aus der Notwendigkeit der Begrenzung auch außen vor lassen. Dies betrifft vor allem die Kombinationen von Gestalttherapie mit anderen therapeutischen oder pädagogischen Ansätzen wie Gestalt-Musiktherapie, Gestalt-Körpertherapie, Gestaltherapie und systemische Therapie, Gestalttherapie und Theater usw.

    Buch   Konzept   Struktur   Aufbau

    Struktur der Theorie der Gestalttherapie

    In diesem Handbuch werden die verschiedenen Theorie-Ebenen, die bei der Darstellung eines solchen Ansatzes angesprochen werden müssen, berücksichtigt.

    Ein psychotherapeutischer Ansatz kann in seinen theoretischen Ausdifferenzierungen und Aspekten nach folgenden Kategorien dargestellt werden:

    Struktur der Theorie des Gestalt-Ansatzes

    Metatheorie
    Erkenntnistheorie
    Anthropologie
    Ethik
    Lerntheorie
    Kommunikations- und Beziehungstheorie
    Gesellschaftstheorie

    Ansatzspezifische Theorie
    Entwicklungstheorie
    Persönlichkeitstheorie
    Krankheits-/Gesundheitsverständnis
    Diagnostik
    Innovationstheorie

    Praxistheorie
    Praxisprinzipien und Interventionsstrategien
    Methodenlehre
    Evaluationskonzepte
    Konzepte für Praxisfelder
    Geltungsbereiche
    Tab.: Struktur der Theorie des Gestalt-Ansatzes

    Grundkategorien

    Die folgenden Themen und Aspekte sind für die Gestalttherapie u.E. dabei von besonderer Bedeutung:

    Metatheorie

    Ansatzspezifische Theorie

    Praxistheorie

    Diese komplexe Grundstruktur kommt auf zweierlei Weise im Handbuch zur Geltung: Einerseits haben wir Schwerpunktartikel zu den einzelnen Theorie-Ebenen in das Handbuch aufgenommen (zu den philosophischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen, zur ansatzspezifischen Theorie und zur Praxistheorie der Gestalttherapie), andererseits greifen alle Autoren in unterschiedlicher Weise und Ausführlichkeit immer wieder auf die verschiedenen Reflexionsebenen zurück, sowohl wenn sie sich eher spezifischen und praxisnäheren Themen widmen - indem sie etwa auf metatheoretische und ansatzspezifische Grundlagen verweisen - als auch wenn sie bei der Ausführung von metatheoretischen und ansatzspezifischen Argumentationen auf praktische Überlegungen hinweisen.

    Buch   Konzept   Struktur   Aufbau

    Zum Aufbau des Handbuchs

    Im Grundaufbau des Handbuchs orientieren wir uns im wesentlichen an der oben skizzierten Struktur der Theorie der Gestalttherapie, wenn auch nicht in systematischer und strikter Weise.

    Geschichte und Entwicklung der Gestalttherapie (I. und II.Kapitel)

    Kapitel I, "Geschichte und Entwicklung der Gestalttherapie", enthält die Darstellung der Entwicklung der Gestalttherapie von der frühen Kindheit der Begründer bis zu deren Tod. Dabei werden nicht nur die oft tragischen Lebensgeschichten der Begründer und ihrer Lebensbegleiter nachgezeichnet, sondern auch die Einflüsse der wechselvollen Zeitgeschichte und der vielfältigen philosophischen, psychologischen, sozialpolitischen und ästhetischen Theorien jener Epoche werden dokumentiert.

    Im Kapitel II, "Entwicklung der Gestalttherapie in den Vereinigten Staaten und Europa", möchten wir einen Überblick über die Situation der Gestalttherapie in jenen Regionen geben, die an den deutschsprachigen Raum entweder angrenzen oder mit denen die deutschsprachige Gestaltszene schon längere Verbindungen pflegt. Ost-Europa mußten wir dabei aussparen, denn die Situation ist dort noch zu neu und wenig überschaubar, auch wenn in einigen Regionen durchaus von einer Gestalt-Bewegung gesprochen werden kann.

    Der uns gesetzte Rahmen ließ es auch nicht zu, die Entwicklung der Gestalttherapie in den übrigen Regionen der Welt darzustellen. Tatsächlich gibt es heute ja in allen Kontinenten und größeren Regionen eine Gestalt Community oder zumindest erste Ansätze einer Entwicklung der Gestalttherapie, so in Kanada, Mittel- und Südamerika, Australien und in einigen Gebieten Asiens.

    Wir baten Vertreter der genannten europäischen Länder einschließlich Israel und der USA, die lange Zeit an der Entwicklung der Gestalttherapie teilhatten, ihre Sicht dieser Entwicklung darzustellen. Dabei haben wir als Herausgeber keine speziellen Vorgaben gemacht, außer daß wir die KollegInnen baten, über die Anfänge und die Weiterentwicklungen der Gestalttherapie in ihrem Land bis heute sowie über die Stellung der Gestalttherapie in der Gesellschaft allgemein und im Gesundheits- und Bildungswesen im besonderen zu berichten. Die AutorInnen wählten also ihre eigene Form der Darstellung, bei der sie sich bemühten, Unparteilichkeit zu bewahren; dennoch wird es sich nicht vermeiden lassen, daß gelegentlich subjektive Wertungen und Positionen in die Darstellung eingeflossen sind, für die wir alle, die sich davon betroffen fühlen mögen, um Verständnis bitten.

    Theoretische Grundlagen und Konzepte der Gestalttherapie (III.Kapitel)

    Von den vielen theoretischen Wurzeln, aus denen die Gestalttherapie erwachsen ist, haben wir zusätzlich zu einer zusammenfassenden Darstellung der Geschichte und Entwicklung der Gestalttherapie im I.Kapitel diejenigen für eine ausführlichere Darstellung ausgewählt, die wir für ganz grundlegend halten: Psychoanalyse, Gestaltpsychologie und Feldtheorie sowie die Philosophie Friedlaenders. Andere Quellen und Ursprünge der Gestalttherapie werden sowohl im I.Kapitel als auch in vielen Texten mit spezielleren Fragestellungen aufgegriffen. Insbesondere gilt dies für die existentialistischen Grundlagen der Gestalttherapie, auf die besonders im Artikel über die therapeutische Beziehung, die Praxisprinzipien und in vielen anderen Artikeln immer wieder zurückgegriffen wird.

    Bevor die grundlegenden Konzepte, Modelle, Prinzipien und Methoden im zweiten Teil des III.Kapitels dargestellt werden, lassen wir noch zwei kritische Stimmen zu Wort kommen: eine grundlegende Kritik an der Gestalttherapie aus Sicht der Integrativen Therapie und eine Kritik an einzelnen Tendenzen in der Gestalttherapie aus einer kulturhistorischen Perspektive.

    Philosophische, soziologische und psychologische Dimensionen der Gestalttherapie (IV.Kapitel)

    Zunächst werden erkenntnistheoretische Aspekte der Gestalttherapie im Hinblick auf phänomenologische und hermeneutische Grundlagen sowie auf neuere Erkenntnisse im Rahmen der Konstruktivismusdebatte diskutiert. Dem sozialkritischen Ursprung der Gestalttherapie trägt ein umfangreicherer Text über die politischen, soziologischen und ökologischen Dimensionen der Gestalttherapie Rechnung. Die Herausforderungen an ethische Urteilsfindung werden in einem weiteren Artikel diskutiert, bevor zwei Ansätze einer gestalttherapeutischen Entwicklungstheorie vorgetragen werden - einer, der sich auf die Entwicklungspsychologie junger Menschen, und einer, der sich auf die Entwicklung in der gesamten Lebensspanne, besonders im Erwachsenenalter, konzentriert. Diese theoretischen Erörterungen werden auch unter zwei spezifischen Aspekten betrachtet: der Geschlechterdifferenz und den spirituellen Dimensionen der Gestalttherapie.

    Klinische Gestalttherapie (V.Kapitel)

    Der Gesamtumfang dieses Kapitels trägt dem Umstand Rechnung, daß die klinische Arbeit als der traditionell wichtigste Anwendungsbereich der Gestalttherapie angesehen wird, wenn dies auch - wie schon hervorgehoben - keineswegs der einzige ist. Nach einer Einführung in gestalttherapeutische Diagnostik und klinische Arbeit werden zwei unterschiedliche diagnostische Ansätze vorgetragen. Neun weitere Artikel widmen sich den verschiedenen Leidenssituationen oder Pathologien von KlientInnen mit ihren besonderen Herausforderungen an die gestalttherapeutische Praxis. Ein dritter Abschnitt dieses Kapitels widmet sich speziellen Ausprägungen und Anwendungen klinischer Gestalttherapie einschließlich der gestalttherapeutischen Ausbildung.

    Spezielle Anwendungsbereiche der Gestalttherapie (VI.Kapitel)

    In diesem Kapitel werden dem Leser einige wichtige nicht-klinische Anwendungsbereiche der Gestalttherapie vorgestellt. Dabei werden die Eigenarten und Anforderungen im Hinblick auf spezielle Klientengruppen verdeutlicht - wie Familien, Kinder, Jugendliche und jugendliche Straftäter sowie ältere Menschen. Beispielhaft wird im zweiten Abschnitt dieses Kapitels die Arbeit in speziellen Arbeitsfeldern wie Beratung, Supervision, Organisationsentwicklung, Pädagogik und Erwachsenenbildung vorgestellt.

    Forschung (VII.Kapitel)

    Der Erforschung der Wirkung und Wirksamkeit von Gestalttherapie kommt gerade in den letzten Jahren erhöhte Bedeutung zu, nachdem sich die Gestalttherapie während vieler Jahre gegenüber der empirischen Forschung eher abstinent verhalten hatte. Dabei spielen sowohl Forschungsdesigns für empirische Überprüfungen eine gewichtige Rolle als auch neuere Ansätze der Prozeßforschung. Für die Darstellung gestalttherapeutischer Forschung haben wir Autoren sehr unterschiedlicher Orientierung gewinnen können, die sowohl grundsätzliche Überlegungen zur wissenschaftlichen Erforschung der Gestalttherapie als auch einzelne Forschungsprojekte und ihre Ergebnisse exemplarisch vorstellen.

    Nachwort und Ausblick (VIII.Kapitel)

    Für den Abschluß des Handbuches baten wir fünf Gestalttherapeuten der ersten Generationen, ihre Einschätzung der Entwicklung der Gestalttherapie und Perspektiven für ihre Zukunft zu formulieren. Es handelt sich um engagierte Zeitzeugen der Entwicklung der Gestalttherapie aus den 50er, 60er und 70er Jahren, die die Gestalttherapie jeweils in anderen Regionen (West- und Ostküste sowie Mitte der USA) erlebten, die unterschiedlich in Institute und Communities eingebunden waren und die auch unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte in der Anwendung der Gestalttherapie legten (Psychotherapie, Beratung, Pädagogik).

    Damit tragen wir einer Tradition der Gestalttherapie Rechung, die zunächst bis Ende der 60er Jahre auf mündliche Überlieferung beschränkt blieb. Namhafte theoretische Veröffentlichungen über Gestalttherapie - von Perls, Hefferline und Goodmans Grundlagenwerk einmal abgesehen - gibt es erst seit Anfang der 70er Jahre. Gestalttherapie hat also eine bedeutende erzählerische Tradition.

    Die Aussagen dieser Zeitzeugen sind persönliche Äußerungen. Die Autoren betrachten die Entwicklung der Gestalttherapie und ihr Eingewobensein in diese Entwicklung aus einer sehr subjektiven Perspektive und beziehen ganz persönlich Stellung, wobei ihre jeweiligen Positionen ebenso deutlich werden wie teilweise ihre Frustrationen, wenn sie eine andere Entwicklung der Gestalttherapie erhofft und erwartet hatten, als sie sie heute vorfinden. Uns ging es dabei - anders als in vorherigen Kapiteln - darum, einigen "Stimmen" aus den vielfältigen Traditionen, Perspektiven und Darstellungsweisen der Gestalttherapie auch noch auf diese Weise zum Ausdruck zu verhelfen.

    Das Handbuch schließt ab mit einem Resümee und Ausblick des Herausgeberteams.

    * * *

    Den vielen AutorInnen des Handbuches, die bereit waren, ihre Arbeitskraft und Energie für das Verfassen von einem oder mehreren Artikeln unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, möchten wir danken. Viele von ihnen haben sich auch bereitwillig mit uns über Struktur und Inhalt ihrer Artikel auseinandergesetzt und keine Mühe gescheut, die Texte teilweise sehr grundlegend zu überarbeiten. Dafür verdienen sie große Anerkennung. Auch denjenigen, die uns bei der Fertigstellung und Korrektur der Manuskripte geholfen und die das Handbuchprojekt in anderer Weise unterstützt haben, möchten wir unseren Dank aussprechen.

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